Dunkelwort

Das Wort gebiert sich selbst,
zerreißt die Siegel weniger Töne.
Es springt allein in uns auf,
es verlässt unseren Mund nie,
es ist die Saite unsrer Stimme.

Wir werden Wörter sein.

*

Du weißt,
wo die Wörter liegen
– aus verschwundenen Silben
wehen die Wunden.

Leise, ihr Winde!

Es sind die Knochen des Baumes,
in denen die Toten knospen.

*

In einem Lüftchen:
der Kreis einer Blume,
der verblühte Schrei
zwischen den Welten,
gegen den Atem der Zeit.

Es gibt kein Gesicht.
Die leere Mitte des Spiegels
weitet sich nach dem Licht.
Was ist es sonst, als feine Risse
zwischen Sache und Name?

Die Leere gebiert sich selbst,
die Welt unterscheidet die Teile
– sie liegen in Lichtlinien.

Lege die Worte in die Wunde,
in den blinden Stern der Sehnsucht.

So fallen die Toten,
so atmen die Steine
auf der schwarzen Träne.

*

Vollzieh es nicht ganz
unterm vieläugigen Licht,
über dem Glanz einer Träne
diesseits des Sterbens.

Nicht das Wort hat dir
die Narben aufgetrennt.

Die Worte schweigen
in allen Wunden,
sie lernen sterben
um alle Stimmen herum.

Eine Dunkelheit,
dunkler als die deinige,
haben sie bereits
erhellt.

Dunkelwort
hast du gesprochen,
von jetzt an
hat das Dunkel eine Sprache.

So seien es die Worte,
die dich abschirmen,
alsbald der Tag licht.

*

Dies ist die Kurve des Auges,
der blinde Spiegel der Zeit.

Aus der Sicht eines Auges,
wäre ich etwas?
Zwei Apfelhälften?

Zwei starre Augen im Leeren.
Sie überschreiten den Spiegel nie.

Nichts macht so einsam
wie das Wort
Wirklichkeit.


Dunkelwort (e altre poesie), with an essay by Marta Vilardaga, Morrisville 2015, (Ger-It). ISBN: 978-1326223373
Presented at Stadtsprachen Literaturfestival, Berlin 2016.
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Stanze dei non risorti

Da Stanze dei non risorti, in Dunkelwort (e altre poesie), with an essay by Marta Vilardaga, lulu.com, Morrisville 2015, (Ger-It). ISBN: 978-1326223373
Presented at Stadtsprachen Literaturfestival, Berlin 2016.
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